Erlebnisbericht von Herrn Müller

anläßlich der Feier "60 Jahre Petruskirche"

 
 
Meine Eltern, beide Künstler, aus Breslau stammend, waren um 1950 wie viele andere auch, auf die Halbinsel Höri gekommen und versuchten, in der kargen Nachkriegszeit, dort einen Neuanfang.
 

Meine Mithilfe beim Aufbau der „evangelischen Gemeinde auf der Höri“

Bis Mitte der Fünfziger Jahre war es für evangelische Gläubige in der (hinteren) Höri schwierig, eigene Gottesdienste durchzuführen, es gab ja keine protestantische Kirche vor Ort. Man lebte in der „Diaspora“, also in einer katholisch geprägten Umgebung. Der dringende Wunsch nach einer „eigenen“ Kirche kam auf.

Zu Gottesdiensten musste man zu der Zeit entweder nach Gaienhofen, nach Radolfzell oder nach Stein am Rhein(Schweiz) fahren.

In Gaienhofen gab es allerdings schon sehr früh ein Evangelisches Pfarramt. Von dort aus verhandelten Pfarrer Dr. Sick erfolgreich mit den Gemeindeverwaltungen in Öhningen und Wangen über die Möglichkeit, in größeren Räumen, die der Öffentlichkeit zugänglich sind, evangelische Gottesdienste abzuhalten.

Es geht los!

Die Gemeinde Öhningen stellte uns den „Bürgersaal“ des Rathauses zur Verfügung, die Gemeinde Wangen den „Sitzungssaal“ ihres Rathauses.

Wir brauchten nicht viele Utensilien zur Durchführung unserer Gottesdienste. Es hatte alles in einem größeren Koffer Platz. Dieser wurde an vorgegebener Stelle deponiert und sonntags zu den Gottesdiensten hervorgeholt und danach wieder dorthin zurückgestellt.

Die „Messner“-Tätigkeiten wurden anfangs von ehrenamtlichen Gemeindemitgliedern wahrgenommen. Diese suchten freiwillige „Helfer“, da die Gemeinde wuchs. Ich meldete mich und betreute dann bald im Wechsel die Gottesdienste in Wangen und in Öhningen mit. Am aufregendsten war für mich immer das „Zählen der Kollekte“ nach dem Gottesdienst.

Mir tat unser Pfarrer leid, der in der Regel sonntags 3 Gottesdienste hintereinander halten musste: Erst in Gaienhofen, dann in Wangen und zum Schluss in Öhningen.

Eigene Kirche in Sicht

Die wachsende Höri-Kirchengemeinde hatte einen Traum: „Eine eigene Kirche“ !! - Es mussten also Finanzquellen erschlossen werden, um den Bau einer eigenen Kirche zu ermöglichen. Neben möglichen Zuschüssen, z.B. durch die Landeskirche oder großzügige Spenden, war viel Eigeninitiative erforderlich, um dieses Ziel zu erreichen.

Wir legten alle los, indem wir z.B. mehrmals jährlich „Basare“ veranstalteten. Vorzugsweise fanden diese z.B. im Saal des „Gasthaus Adler“ in Wangen statt. Hierbei gab es Vorführungen unterschiedlichster Art mit Gesang und Theater. Selbstgebasteltes, Gespendetes und vieles andere mehr wurde verkauft. Der Erlös wurde verwendet zugunsten der Finanzierung und Erstellung unserer „Traumkirche“.

Ich war natürlich mit meinem jugendlichen Eifer immer dabei, einmal sogar so eifrig, dass ich versehentlich „Wiener Würstchen mit Brötchen und Senf“ einzeln statt paarweise verkauft habe.

Nach Ende der Veranstaltung hatten wir noch so viele Wiener übrig, dass wir diese unter den Mitwirkenden als Vesper verteilen konnten. Niemand hat sich beschwert, es war ja für einen „Guten Zweck“.

Ende der Fünfziger Jahre hatten wir es geschafft ! Es konnte losgehen. Ein passendes Grundstück war bald gefunden: Beste Lage oberhalb Kattenhorns mit fantastischem Blick auf den Untersee. Im Hintergrund wirkten Pfarrer, Architekt und Gemeinderat an der Umsetzung der Pläne.

Es gab eine Grundsteinlegung und unsere Kirche wuchs. Bald ragte der Turm gen Himmel, Der Innenausbau begann, die Fenster von Otto Dix wurden geliefert und eingebaut.

Dann kam der Glockenguss. - Eine Delegation unserer Gemeinde fuhr mit Pfarrer Dr. Sick zu einer Glockengießerei in der Nähe von Karlsruhe. Ich war mit dabei, für mich ein unvergessliches Erlebnis. Es dauerte nicht lange, da kamen die fertigen Glocken auf einem Spezialfahrzeug bei uns an. Während der Montage des Glockengeläuts im Turm habe ich diesen (verbotenerweise) mehrfach bestiegen und (exklusiv) die herrliche Aussicht über den Untersee genossen.

Unsere Kirche ist endlich „fertig“ ! - Wir ziehen ein.

Die „Petruskirche“ wurde geweiht und die „Evangelische Gemeinde auf der Höri“ hatte endlich ihr eigenes Gotteshaus. Ich habe sie sofort in mein Herz geschlossen und bin stets gerne dort ein-und ausgegangen.

Anfangs habe ich begeistert an den Kindergottesdiensten teilgenommen. Später habe ich, als Mitglied der Kantorei der „Schloss-Schule Gaienhofen“, regelmäßig die Gottesdienste begleitet.

Meine Mutter hat hin und wieder, wenn die Organistin verhindert war, für uns Orgel gespielt. Auch hat sie ab und zu Texte vorgetragen bis 1985, wo sie leider verstarb. Ich erinnere mich an eine Bäuerin, welche regelmäßig zum Gottesdienst kam. Diese hat in ehrfurchtsvoller Weise immer aus vollem Herzen mitgesungen, aber leider einen halben Ton höher als die übrige Gemeinde. Das war einmalig und unvergesslich.

Schlußwort

Mein Traum, einen Altersruhesitz auf der Halbinsel Höri, am Liebsten in Kattenhorn, einzurichten, hat sich leider nicht verwirklichen lassen. Wenigstens bleibt mir ab und zu eine Besuchsfahrt aus Stuttgart zu „meiner“ Petruskirche. - Sie ist ein Stück von mir und ich wohl auch von ihr. - Gott sei Dank !!