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Zeit zum Leben- Zeit zum Sterben
Totensonntag 20. November 2011

Pfarrer Roland Klaus

Meine Zeit steht in deinen Händen. Ich mag dieses Lied. Ich sing es gern. Die Worte sind geborgt aus Psalm 31. Wir haben sie zum Eingang miteinander gesprochen. Was lässt sich sagen angesichts der vergehenden und flüchtigen Zeit? Hier findet jemand Ruhe und Gelassenheit in dem Gedanken: „Meine Zeit steht in deinen Händen". Ich habe heute zwei Uhren bei mir. Die eine ist mein Wecker, die andere diese kleine Sanduhr.

So sind für mich sprechende Symbole geworden. Sie legen für mich den Satz aus: Mein Zeit steht in deinen Händen. Ich will das erläutern.

Als Kind habe ich in der Schule oft auf die Uhr geschaut. Besonders, wenn es eine Stunde gab, die mir nicht gefiel, dann konnte ich es kaum abwarten, bis der Zeiger voranschritt. Und so gings mir als junger Mensch öfter: „Wenn doch schon der Geburtstag wäre!“ „Wenn ich doch schon den Führerschein in der Tasche hätte“. Da ist man ganz ungeduldig. Die Zeit verging zu langsam, nicht schnell genug. Und in Gedanken war ich manchmal schon meiner Zeit voraus.

Heute ein paar Jahre älter denke ich anders über die Zeit. Nicht: Geh doch schneller, sondern wie schnell sie doch läuft. Das hat wohl auch damit zu tun, dass man als junger Mensch meint, man habe das Leben noch vor sich. Man sieht das weite Feld des Lebens wie ein Ackerboden, den man noch bestellen kann, auf dem noch vieles reifen und wachsen wird. Und als älterer Mensch habe ich doch schon manchen Lebensabschnitt erlebt. Ein Großteil liegt hinter einem. Man sieht zurück, was ist das geworden, gereift, gewachsen?

Eines aber macht die Uhr bewusst und das trifft für jung und alt gleichermaßen zu. Lebenszeit ist immer begrenzt und endlich. Und keiner weiß, wie viel Zeit ihm bleibt und zugemessen ist. Wir haben die Zeit nicht in der Hand. Sie ist geschenkte Zeit. Kredit des Lebens. Der Moment ist uns gegeben, mehr nicht! Gerade mal dieser Augenblick ist in unseren Händen. Und drin liegt das pulsierende Leben.

Jemand schrieb  einmal den schönen Satz: „Warte nicht, bis du mehr Zeit hast zum Leben, sondern fülle die Zeit mit mehr Leben. Oder noch ganz knapp formuliert: Lebe endlich! Und dieses ENDLICH ist im doppelten Sinne bedeutsam. Endlich, weil die Zeit flüchtig ist, eben endlich und zugleich so, dass ich die geschenkte Zeit mit meinen Möglichkeiten fülle und gestalte. Das mag prosaisch klingen, aber wie lebt man endlich?

Mein Vater kam vor kurzem ins Krankenhaus nach Allensbach. Intensivstation. Gehirnblutungen wurden festgestellt. Die Ärzte sagten uns als Familie: „Er kann in den nächsten drei bis vier Tagen sterben, er kann aber auch leben. Wir wissen es nicht". Ich stand in dieser Tagen oft am Krankenbett. Und ich spürte: Jetzt gilt es, sich Zeit zu nehmen. Jetzt gilt es da zu sein und wach zu sein für die Momente, für Möglichkeiten, die noch bleiben. Du weisst ja nicht wie lange, wie viele Momente noch bleiben werden.

So nah wie in diesen schwierigen Tagen bin ich meinem Vater zuvor nicht gewesen. Es waren intensive Augenblicke dabei: Seine Haare kämmen, die kalten Beine streicheln, reden. Seltsam, gerade in diesen schwierigen Tagen wuchs sehr Tiefes, was ich sonst nicht so gespürt hatte, in unserer Beziehung. Und ich dachte dort am Krankenbett oft an den Satz: Meine Zeit steht in deinen Händen. Ich fand Ruhe dadurch.

Der Tod mag das Leben begrenzen, aber bestimmen darf und soll er es nicht. „Meine Zeit steht in deinen Händen". Bestimmt soll es sein vom Glauben an Gott.

Ich habe einmal eine Potkarte entdeckt. Da stand dieser Satz drauf. Und ein schönes Kirchlein war abgebildet drauf mit einem schmucken Kirchturm und eine Kirchturmuhr. Ich dachte mir: Die versendest du zum Geburtstag deiner Gemeindeglieder. Das war noch auf meiner alten Stelle. „Meine Zeit steht in deinen Händen“. Ich dachte, dass ist doch eine gute Losung für das Leben. Für die Geburtstage des Lebens.

Darauf bekam ich eine Rückmeldung einer Frau. Sie beklagte sich: „Wie können sie mir so eine Karte schicken? Die spricht von vergehender Zeit, das erinnert doch an Vergänglichkeit. Zum Geburtstag schickt man doch eine mit Blumenbildern, so was hätte ich erwartet. Das sagen auch alle meine Freundinnen: Unmöglich!“

Ich wunderte mich über ihre Reaktion. Der Satz löste in ihr ein Thema, das wohl gärte, aber für sie schwierig war: Vergehende Zeit. Das Leben ist endlich. Irgendwie war das für sie tabu! Und das scheint auch in unserer Gesellschaft so zu sein.

Der Tod passiert im Tatort. Samstag um 20.15. Aber sonst darf er nicht ein. Bis er dann plötzlich ganz nah kommt. Tod scheint weit weg geschoben zu werden. Dafür gibts Antiaging Cremes. Ewig jung sein! Warum bloß? Gehört Altern nicht mehr zum Lebenswerten? Und ab wann dann? 40 -50-80.. Macht die Begrenzung der Zeit nicht erst die Zeit kostbar?

Das Tabuisieren von altern Tod, Sterben hat zur Folge, dass heute viele nicht mehr spüren, wie sie Trauernden begegnen sollen. Und manchmal haben es die Trauernden dann schwer sich so zu zeigen, sich Zeit zu lassen für ihre Trauer. Man soll weiter funktionieren, aber es geht ja nicht so einfach. Denn nichts bleibt wie es ist, wenn man trauert.

Trauer braucht doch auch Zeit.
Man kann nicht schneller trauern. Man kann nur hindurchgehen durch die Phasen.
Man kann nicht schnell durch die Phase der Erschütterung gehen: Warum ich?
Man kann nicht schnell durch die Phase der Leere gehen: Was bleibt?
Man kann nicht schnell durch die Phase was ist noch in mir: Was wurde in mir geweckt durch dies Beziehung.
Man kann nicht schnell sich wieder neu orientieren: Was will ich wieder mit meinem Leben anfangen?
Man kann nichts überspringen, nur hindurchgehen.

Trauer braucht  Zeit. Aber genau da an diesem Punkt kann etwas reifen in uns, dort wo wir es uns kaum vorstellen. Ich glaube, wir brauchen im Umgang mit diesen wichtigen Lebensfragen wieder mehr Zeit. Zeit schon beim Abschied von Menschen. Ich habe es in manchen Trauerfamilien dieses Jahr erlebt. Wie gut das manchen tat, dass sie sich Zeit nahmen.

Da war der Verstorbene noch Zuhause. Und dann wartete man, bis die Kinder da waren und vielleicht auch die Enkel. Da hat man Kerzen angezündet. Einer ging rein ins Zimmer, war da, hat vielleicht sich seine Gefühle von der Seele geredet, ohne das was zurückkam. Die kleinen Kinder gingen hinein. Sie malten Bilder für den Opa. Intensive Momente, Augenblicke. Und manchmal bleib der Verstorbene sogar noch über Nacht Zuhause. Diese Zeit kann unschätzbar wertvoll sein. Nicht umsonst ist es vorgesehen, dass Tote bei uns noch 36 Stunden zuhause bleiben können.

Doch die Zeit allein macht noch nichts besser! Sie kann aber dazu dienen, dass wir spüren, welche Möglichkeiten sich für uns in manchen Momenten auftun. Man kann das nicht machen, aber wach dafür sein.

Ich habe heute eine zweite Uhr dabei. Dies Sanduhr. Sie ist für mich noch sprechender als mein Wecker. Der Wecker deutet Zeit allein als vergehend, fließend. Und einmal bleibt die Zeit stehen, sagen wir, wenn jemand stirbt. Wie trostlos!

Diese Sanduhr deute ich als anderes Zeitverständnis: Sand rieselt durch, jedes einzelne Korn von einem in die andere Glashälfte. Und da wird es festgehalten. Bei allem Rieseln, doch eines, wo es zusammenläuft. Es kommt von einem, geht in das andere.

Alles Leben kommt aus Gottes Ewigkeit und einmal ist es auch aufgehoben bei Gott. Mein kleines Leben beschrieben in wenigen oder 100 Jahren, aufgefangen. Umfangen, wie das Korn vom Glas. Meine Zeit, meine Geschichte, Kommen und Gehen umschlossen. Und da rieselt ein Korn nach dem anderen durch meine Hand. Ich halte nur den Augenblick, aber mehr kann ich gar nicht füllen! Ich möchte wach sein für die Möglichkeiten dieses Zeitkorns. Ich lebe den Augenblick, denn der ist mir am nächsten. Und da ist Gott zu finden, der ihn mir gibt. Ich will diesen Moment füllen mit seinen Möglichkeiten.

Und ich glaube, dass das Leben einmündet, zusammenfließt in Gottes Ewigkeit. Christus lässt mich das glauben. Sein Leben, sein Sterben, seine Auferstehung sind Grund dieses Glaubens. So will ich mich angesichts der flüchtigen Zeit bergen im Gedanken und Glauben: „Meine Zeit steht in deinen Händen".

Amen

Lied Nr. 644 im Gesangbuch
Meine Zeit steht in deinen Händen, nun kann ich ruhig sein, ruhig sein in dir.